Von der Euphorie in die Krise? (BRD 70er)

Essay: Von der Euphorie in die Krise?  Die Bundesrepublik Mitte der Siebzigerjahre

Deutschland wurde nach dem Wahlsieg Willy Brandts im November 1969 und den überstanden Unruhen Ende 1968 von einer noch nie da gewesenen Euphoriewelle erfasst. Der Fortschrittsgedanke und ein blindes Vertrauen in eine wirtschaftlich sichere Zukunft machten die Ölkriese 1973 zu einer, für das Gesamtbild der Siebzigerjahre, entscheidenden Zäsur. Wie aber, lässt sich dieses Gesamtbild der Bundesrepublik in der Mitte der Siebzigerjahre beschreiben?
Zur Beantwortung dieser Frage dienen die Darstellungen Wolfrumsi, Görtemakersii und Jamesiii als Grundlage. Doch lässt sich an Hand dieser drei Darstellungen überhaupt ein spezifisches Gesamtbild der Bundesrepublik Deutschland in der Mitte der Siebzigerjahre erkennen?

Zunächst muss versucht werden die zu Grunde liegenden Texte durch den Vergleich thematischer Schwerpunkte, der verschiedenen Autorenperspektiven und der jeweiligen Fragestellungen auf eine Deutungs- und Diskussionsebene zu bringen, um abschließend eine Gesamtsignatur der Phase auszuarbeiten.
Für den Vergleich sind die jeweiligen zeitlichen Einteilungen der Beschreibungen von Interesse. Die Darstellungen Görtemakers und Wolfrums konzentrieren sich vorrangig auf die Phase ab der Bundestagswahl 1972 bis zum Rücktritt Brandts und der einsetzenden ersten Legislaturperiode Schmitts ab 1974. James bedient hingegen einen Zeitraum vom Ende der Sechzigerjahre bis in die späten Siebzigerjahre. Außerdem unterscheidet sich James auch deutlich bei der Wahl von Perspektive und Inhalt seiner Darstellung. Während Görtemaker und Wolfrum ihren Fokus auf die Bundesrepublik richten, versucht James eine Übersicht der Ereignisse in den großen Wirtschaftstaaten Europas zu liefern. James geht nur kurz auf die politische und gesellschaftliche Lage (Abschnitt: Moral und Politik S. 368-371) Deutschlands ein. Die Themen Wirtschaft und Veränderung des Wirtschaftswesen im Zuge des Ölpreisschocks, sowie eine Ursachenforschung für das „schachmatt setzen“ der keynesianischen Wachstumspolitik in Europa, stehen eindeutig im Vordergrund. Ganz anders bei Wolfrum und Görtemaker. In beiden Darstellungen sind fast ausschließlich die Ereignisse und das Geschehen in der Bundesrepublik Deutschland beschrieben.

Alle drei Darstellungen sehen den Ölpreisschock Ende des Jahres 1973 als die entscheidende Zäsur an. Ein weiteres wichtiges Ereignis, der Rücktritt Willy Brandts im Mai 1974 und der „neue“ Kanzler Helmut Schmitt, werden besonders von Wolfrum und Görtemaker genauer unter die Lupe genommen.
Görtemaker sieht die Innenreformpolitik Brandts ab 1972 als gescheitert an. Gründe für das Scheitern sind die veränderten ökonomischen Bedingungen, innerparteiliche Widerstände und eine zu starke Konzentration auf die Ostpolitik. Hinzu kommen die gesundheitlichen Probleme Brandts und die Naivität seines Beraterstabs. So war „Willy Wolke“ (S. 574) mit der Situation, die sich nach dem Ölpreisschock ergab schlichtweg überfordert. Die Guillaume-Affäre ist also als Anlass, aber nicht als die Ursache für den Rücktritt Brandts zu sehen.
Auch Wolfrum verwendet eine ähnliche, allerdings weniger drastisch ausgedrückte, Darstellung des Kanzlers. Brandt wird als „Spielball“ seiner Partei dargestellt, der allerdings immer noch enormen Wert für die Sozialdemokraten in seiner Funktion als „lebende Legende“ hat. Dennoch ist nicht abzustreiten, dass Brandt in seinen letzten Jahren als Kanzler die Zügel nicht mehr straff genug halten konnte. Ein Beispiel für den Machtverlust Brandts ist die öffentlich ausgetragene „Moskau-Affäre“ im September 1973.
Trotz der Imageverluste (Steiner-Wiegand-Affäre, „Frauengeschichten“) sind sich alle Darstellungen über die herausragenden Leistungen Brandts, sowie eine richtig gewählte Nachfolge durch Schmitt, einig.

Die Ölkrise war nicht vorhersehbar und traf die Bundesregierung aus heiterem Himmel. Allerdings waren die Zeichen für wirtschaftliche Probleme schon Anfang der Siebzigerjahre zu erkennen. Doch die Unruhen in der Regierung, vorangetrieben vom aufstrebenden Helmut Schmitt, verlangsamten eine zeitkonforme und moderne Umstellung der Wirtschaftspolitik. Weder Möller noch Schiller gelang es in ihrer Position als Wirtschaftsminister sich genug Gehör zu verschaffen. Deutschland brauchte eine neue Persönlichkeit, die der Lage Herr zu sein, im Stande war. Der mit einem historischen Wahlsieg dekorierte neue Kanzler Helmut Schmitt war dieser Mann. Mit einem gut funktionierenden Team in seinem Schatten schaffte er es die verloren geglaubte Zuversicht wieder aufzubauen und den ersten Schritt in die Richtung eines vereinten Europas zu wagen.

Ist also eine Gesamtsignatur an Hand dieser drei  Darstellungen zu erkennen?
Ja, denn sowohl Görtemaker als auch James und Wolfrum, sehen Mitte der Siebzigerjahre die Ölkrise und die Veränderung der Wirtschaft  als entscheidende Signatur an. Auch bei der Frage ob der Rücktritt Brandts zu vermeiden war wird jeweils negativ beantwortet.

Doch wie lässt sich nun das Gesamtbild der Bundesrepublik beschreiben?
Das Vertrauen und den Zuspruch, den sich die Demokratie in Deutschland unter Brandt erarbeitet hatte, verfliegt. Die geplanten Reformen sind unvollendet und auf Eis gelegt. Nach Jahren der Euphorie ist der Glaube an eine sorglose und sichere Zukunft gestorben. Neue Fragen und Probleme kommen auf und ein neuer Kanzler geht diese im Stile eines Arbeiters an. Prägnanz und Rationalität lösen Zukunftsglaube und visionäre Politik ab.
Deutschland ist auf dem harten Boden der Realität angekommen ganz ohne eine weiche Landung.

i Edgar Wolfrum: Die Geglückte Demokratie. Geschichte der Bundesrepublik Deutschland von ihren Anfängen bis zur Gegenwart, Stuttgart 2006

ii Manfred Görtemaker: Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Von der Gründung bis zur Gegenwart, München 1999

iii Harold James: Geschichte Europas im 20. Jahrhundert. Fall und Aufstieg 1914-2001, München 200


Autor / Universität:
Universität Freiburg
Historisches Seminar
Wintersemester 2008/09
Martin Herceg
Proseminar: Geschichte der BRD 1969-82